Dass er sich den Sieg nicht mehr nehmen lassen würde, war zu erwarten. Doch dass er seinen Vorsprung von sieben Schlägen nach zwei Durchgängen in der Finalrunde noch einmal um drei Zähler ausbauen würde, das lässt erahnen, dass sich in Deutschland ein weiterer junger Spieler auf dem Weg Richtung European Tour befindet: Martin Kaymer, Mitglied des deutschen Profi-Förderkaders GOLF TEAM GERMANY, hat bei der Habsberg Classic Golf-Geschichte geschrieben und das 10. Turnier der EPD Tour Saison 2006 mit einem Fabel-Score gewonnen. Nach drei Runden verzeichnete der 21-Jährige aus Mettmann ein Gesamtergebnis von 27 unter Par, hatte 68, 59 und 62 Schläge auf seiner Scorekarte notiert und damit Rekorde in Serie aufgestellt.
Nachdem er Runde 1 noch mit 68 Schlägen und als geteilter Zweiter beendet hatte, drehte Martin Kaymer am zweiten Tag auf. Auf dem Par 72-Platz des GC Am Habsberg gelangen ihm zwölf Birdies und ein Eagle, womit er trotz eines Bogeys an Bahn 2 das bis dato niedrigste Ergebnis eines deutschen Golf Professionals bei einem offiziellen Turnier verzeichnete. Die 59er Runde ist auch das niedrigste Ergebnis, das je auf der EPD Tour erzielt wurde. Er benötigte 31 Schläge für die ersten neun Löcher, den Weg zurück zum Clubhaus erledigte er mit 28 Schlägen. Damit trug er sich nicht nur in die Annalen des deutschen Golfsports ein, sondern hat auch seinen Platz in den internationalen Geschichtsbüchern sicher: Die Spieler, die zuvor in einem offiziellen Tour-Turnier mit 59 Schlägen vom Platz gingen, lassen sich noch immer an zwei Händen abzählen.
"Unglaublich, das war wirklich eine super Runde! Ich habe das noch gar nicht so richtig realisiert", sagte Martin Kaymer, nachdem er die 59 an Bahn 18 mit einem Birdie-Putt zementiert hatte. Er lochte an diesem Par 4 nach perfektem Drive und lockerem Sandwedge aus 5,5 Metern ein. Dutzende seiner Kollegen, die das Grün flankierten, brachen in lauten Jubel aus und veranstalteten rund ums Grün gemeinsam mit Kaymer Freudentänze. "Das ist Wahnsinn, das war so eine Euphorie, mir läuft es jetzt noch ganz kalt den Rücken runter. Alle haben so mit ihm mitgefühlt und mitgefiebert, das war einfach unglaublich. Das war das beste, was ich in den letzten zehn Jahren im Golfsport erleben durfte, dafür haben sich alle Mühen gelohnt", so Wayne Hachey, der die EPD Tour 1997 gegründet hatte.
Wer nun erwartet hatte, dass Kaymer in der Schlussrunde Nerven zeigen und ob der historischen Tat eventuell unkonzentriert sein könnte und bemüht, den Sieg einfach nur nach Hause zu spielen, der täuschte sich gewaltig. Der 1,85 Meter große Top-Athlet legte auch im dritten Durchgang los wie die Feuerwehr, absolvierte die ersten neun Löcher einen Eagle bei nur einem Bogey. Und in dieser Manier machte er auf dem Weg zurück zum Clubhaus weiter. Birdies an den Löchern 11, 12 und 14 sowie ein Eagle an der 17, nachdem er den zweiten Schlag an diesem Par 5 nur Zentimeter neben die Fahne gespielt hatte, machten mit dem abschließenden Par die 62er Runde perfekt. Der Jubel war grenzenlos, und ebenso die Bewunderung. Einige Kollegen murmelten gar kopfschüttelnd: "Ich glaube, ich hör' auf ... "
Dass ich noch einmal so eine gute Runde nachlegen würde, hatte ich nicht gedacht", so Kaymer. "Mir war schon klar, dass ich auch heute gut spielen würde, aber dass es eine 62 wird, das hat mich dann selbst überrascht. Am Abend nach der 59er Runde war er "ganz normal zum Essen gegangen" und hatte sich selbst um 22:30 Uhr den Zapfenstreich verordnet. Ungewöhnlich für ihn nur: "Ich konnte schlecht einschlafen und habe noch lange über die Runde nachgedacht." Die 59 Schläge vom Mittwoch beschäftigten ihn denn auch am Donnerstag noch mehr als der zweite Saisonsieg. Trainer Günter Kessler gratulierte per Telefon, und Martin Hasenbein, Coach des GOLF TEAM GERMANY, der die Traumrunden live miterlebt hatte, stellte klar: "Es ist fast nicht möglich, das in Worte zu fassen, was Martin Kaymer da geleistet hat. Die 59 und eine 62 hinterher - so etwas findet sich nicht so schnell wieder in der Welt des Golf." Und Tourdirektor Wayne Hachey meinte versonnen: "Dieser Junge hat etwas ganz Besonderes. Er hat den Kopf, so zu spielen, und das ist das Entscheidende. Wenn er so weiter macht, ist er in längstens zwei Jahren auf der European Tour."




